Eine Delegation der Eltern und Studenten aus Ayotzinapa (Mexiko) nahm einen Tag lang am BUKO-Kongress in Münster teil

Im Rahmen ihrer Europa-Rundreise „Euro-Caravana 43“ nahm eine Delegation der Eltern und Studenten aus Ayotzinapa (Guerrero/Mexiko) am 15.5.2015 am BUKO-Kongress in Münster teil. Ihr Ziel war es, über die Verschleppung der 43 Studenten der ländlichen Lehramtsschule zu informieren und ihre Kampf um Gerechtigkeit sowie Aufklärung dieses Verbrechens zu stärken. Dazu war ihnen vor allem der direkte Austausch mit Basisorganisationen und Graswurzelgruppen wichtig. Mit dem Motto „¡Vivos se los llevaron, vivos los queremos! / Lebend habt ihr sie entführt, lebend wollen wir sie wieder zurück!“ wurde die Delegation in Münster empfangen.

Die Delegation bestand aus Eleucadio Ortega Carlos, Vater von Mauricio Ortega Valerio, einem der verschleppten Studenten, Omar García, der den Angriff der Polizei auf die Studenten verletzt überlebte und der Verschleppung entkam, und Román Hernández, Mitglied des Menschenrechtszentrums Tlachinollan la Montaña, das die Eltern und Studenten aus Ayotzinapa unterstützt. Eine Mutter konnte leider nicht mit anreisen, da ihr in Mexiko mit bürokratischen Schikanen die Ausstellung eines Passes verweigert wurde.

Zum Auftakt des Kongresses beteiligte sich Omar Garcia an einer Gesprächsrunde mit Aktivist_innen aus Syrisch-Kurdistan, Honduras, Deutschland, Chile und den transnationalen Kämpfen Geflüchteter. Bei dieser Runde ging es um die Fragen nach Solidarität in der Praxis und den Parallelen verschiedener Kämpfe weltweit. Auf der Bühne waren zudem 43 Stühle für die 43 verschleppten Studenten aufgebaut, die nicht an diesem Kongress teilnehmen können.

Omar Garcia betonte, dass das Verschwinden seiner Kommilitonen nicht nur weiterhin unaufgeklärt bleibt und durch nicht plausible Erklärungen der mexikanischen Regierung verschleiert wird. Darüber hinaus ergreife diese keinerlei Maßnahmen dafür, dass derartige Verbrechen in Zukunft nicht mehr geschehen werden. Stattdessen wird alles daran gesetzt, politische Aktivist*innen zu kriminalisieren, „Wir werden verleumdet und kriminalisiert, aber unser Kampf ist gerecht“, so Omar Garcia. Umso wichtiger sei insofern die internationale Solidarität für die Studenten und die Eltern aus Ayotzinapa und an vielen anderen Orten in Mexiko, die ihnen zeige, dass sie mit ihren Kämpfen nicht allein sind. Auch müsse Druck auf die Regierungen ausgeübt werden, die mit der mexikanischen Regierung eng zusammenarbeiten, wie beispielsweise die deutsche.

Anschließend traf sich die Delegation mit Erik Arellana, der mit seinen Organisationen FUNEB und HIJOS in Kolumbien gegen Verschleppungen kämpft. Eine Stunde lang tauschten sich über Strategien und Einschätzungen aus und verabredeten eine weitere Zusammenarbeit.

Nachmittags wurde der Tag dann mit einer Infoveranstaltung der Delegation fortgesetzt, an der rund 200 Besucher_innen und Aktivist_innen verschiedener Gruppen und Kämpfe teilnahmen. Zunächst schilderte Román Hernández die Ereignisse der letzten sieben Monate. Er berichtete über die Ereignisse des 26. und 27. September 2014 als 43 Studenten von der Polizei verschleppt werden und 6 weitere Menschen ermordet wurden. Anschließend schilderte er die stümperhafte und gezielt verschleiernden Vorgehensweise der staatlichen Behörden. „Selbst im Lügen sind sie Vollidioten!“, sagt Román. Mittlerweile wird die von der Regierung präsentierte Version der Ereignisse und ihre Behauptung, die 43 seien von 3 Kartellmitgliedern in einer Nacht ermordet, auf einer Müllkippe verbrannt und ihre Asche dann in Plastiksäcken in einen Fluss geworfen worden, mit Nachdruck und von allen Seiten infrage gestellt. „Nicht einmal dem raffiniertesten Drogenbaron würde es gelingen, in einer verregneten Nacht 43 Studenten zu verbrennen und ihre glühend heiße Asche in Plastiksäcken zu verladen.“ In Übereinstimmung mit der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte stellte die „EuroCaravana43“ drei grundlegende Forderungen: Die Wiederaufnahme der Suche nach den verschleppten Studenten, deren lebende Wiederkehr und effektive Maßnahmen, die eine Wiederholung solcher Vorfälle verhindern. Darüber hinaus solle gewaltsames Verschwindenlassen als eigener Straftatbestand anerkannt werden. (Video des Beitrags von Román)

Eleucadio Ortega Carlos berichtete anschließend von seinem Sohn, der ihm von kleinauf beim Kaffee- und Maisanbau unterstützte. Don Eleucadio erzählte, es sei sehr anstrengend als Kleinbauer zu arbeiten. Als Mauricio ihm eines Tages mitteilte, er wolle sich an der Lehramtsschule bewerben, bemühte sich Eleucadio die finanziellen Mittel hierfür aufzutreiben. „Streng dich an mein Sohn!“, hatte er ihm gesagt. Nachdem er von der Verschleppung seines 18-jährigen Sohnes gehört hatte, begab er sich mit anderen Angehörigen eigenständig auf die Suche nach ihren vermissten Kindern. Sie seien auf mehrere Massengräber gestoßen, in denen sie die Überreste anderer Menschen fanden. „Unsere Kinder sind weder in den Gräbern, noch in den Plastiktüten von Cocula. Die Regierung tischte uns von Anfang an Lügen auf. Es gibt keine Gerechtigkeit für die Armen, für die Kleinbauern und Kleinbäuerinnen in Mexiko“, sagt er eindringlich. Die Eltern sind sich einig, sie wollen ihre Kinder zurück und zwar lebendig. „Por que vivos se los llevaron, vivos los queremos!“ (Video des Beitrags von Eleucadio)

Omar García sagte abschließend die „Euro-Caravana 43″ sei ein wichtiger Schritt, um die weltweite Aufmerksamkeit und somit den internationalen Druck auf die mexikanische Regierung zu erhöhen. Aber die Rundreise drehe sich nicht nur um die 43 verschleppten Studenten, sondern um ein allgemeines, politisches und ökonomisches Problem. „Hier geht es nicht um den Einzelnen, sondern um das Kollektiv, um die Stimmen, die schreien, die aber keiner hört!“, sagte er. „Man muss den ganzen Elefant sehen, nicht nur den Schwanz des Elefanten, und glauben, es sei eine Schlange. Man braucht Menschen, die kämpfen, die ihre Stimme erheben, die daran glauben Missstände in der Welt verändern zu können.“ Es brauche konkrete Aktionen. „Wir sind nicht hier in Europa, um Mitleid zu erregen!“, fügt er hinzu. Er verweist auf die lange Geschichte des politischen Kampfes der Lehramtsschulen in Mexiko, auf Lucio Cabañas, der in den 60er Jahren in Ayotzinapa studierte und anschließend die Guerillabewegung „Armee der Armen“ anführte. Die Schulen seien immer Quellen politischer Kämpfe gewesen. Am Ende verwies er auf den Besuch des mexikanischen Präsidenten Enrique Peña Nieto vom 9. bis 12. Juni in Brüssel, wo er zu Gesprächen mit der Europäischen Kommission geladen ist, und auf den 14. Juli. 2015, an dem dieser als Ehrengast an den Feierlichkeiten des französischen Nationalfeiertages in Paris empfangen wird. Er rief die Aktivist_innen in Europa auf, an diesen Tag in ihren Städten gegen diese Besuche zu protestieren. (Video des Beitrags von Omar)

Die guten politischen Beziehungen speziell zwischen der deutschen und der mexikanischen Regierung waren anschließend auch das Thema des Inputs von Marie-Kathrin Siemer der Gruppe México via Berlin (MvB). Sie berichtete über die umfangreichen, durch die Bundesregierung genehmigten Waffenlieferungen deutscher Firmen nach Mexiko, vor allem der Lieferungen von G-36-Sturmgewehren der Firma Heckler&Koch an die mexikanische Polizei (weitere Infos in in dieser MvB-Broschüre). Diese seien sowohl bei der Ermordung von 2 Studenten aus Ayotzinapa durch die Polizei 2011 wie auch bei der Verschleppung der 43 Studenten 2014 zum Einsatz gekommen. Dabei beeinflusste und korrumpierte Heckler & Koch politische Entscheidungen sowohl in Mexiko wie in Deutschland. Darüber hinaus planen Deutschland und Mexiko nun, die ohnehin bereits stattfindende Polizeikooperation durch ein „Sicherheitsabkommen“ auszuweiten. Dies stehe im Interesse beider Seiten. Mexiko erhielte internationale Anerkennung, Technologie und Know-How durch das Abkommen. Für deutsche Unternehmen für Waffen und Sicherheitstechnologie würde der Zugang zum mexikanischen Markt stark verbessert. Marie-Kathrin Siemer verwies auch auf den Hintergrund all dieser Unterstützung der deutschen Seite für das repressive Regime in Mexiko: Deutsche Firmen haben erhebliche Investitionen in Mexiko getätigt, gegen sie kam es immer wieder zu Protesten aus der Bevölkerung. Mit der Stärkung des mexikanischen Polizeiapparates wolle die Bundesregierung sicherstellen, dass diese Investitionen gegen die Bevölkerung verteidigt werden können (weitere Infos zum „Sicherheitsabkommen“ und den Hintergründen in dieser MvB-Broschüre).

Als Abschluss des Tages fand in der Innenstadt in Münster eine Kundgebung unter dem Motto „Stoppt die deutsche Unterstützung für den Staatsterror in Mexiko! Solidarität mit den Eltern und Studierenden aus Ayotzinapa!“ statt. Etwa 150 Aktivist_innen forderten hier von der Bundesregierung: Keine weitere Zusammenarbeit mit dem Gewaltregime in Mexiko! Keine Waffenlieferungen! Kein „Sicherheitsabkommen“! Bedingungslose Unterstützung der Opfer sowie der mexikanischen Bevölkerung, die sich gegen die Gewalt wehrt!. Zu der Kundgebung gibt es sowohl ein Kurzvideo wie ein Video mit allen Redebeiträgen.

¡Alerta! möchte uns bei allen Beteiligten und Aktivist_innen bedanken, die den Aufenthalt der „EuroCaravana43“ zu einem großen Erfolg gemacht haben.